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Übertourismus und Destinationen-Schutz: Weniger ist mehr

Venedig führt Eintrittsgeld ein, Barcelona schließt Kreuzfahrtterminals, Island hat Grenzen überschritten. Die Fakten zu Übertourismus und warum „Alternativen" nicht ausreichen.

Redaktion TravelFeelings

Dichte Touristenmasse auf einer belebten Stadtstraße – Sinnbild für Overtourismus in beliebten Reisezielen
Foto: Owen Cannon

Island ist zum Lehrbuch-Fall für Übertourismus geworden, weil seine Kapazität schlicht überschritten wurde. 2010 kamen 490.000 Besucher pro Jahr, 2019 waren es 2,3 Millionen. Die Straßen wurden zerfahren, die Moose in den Hochebenen zeigen Trittschäden, die Geothermie-Kraftwerke wurden ausgebaut, um mehr Hotels mit heißem Wasser zu versorgen. Das Paradoxe: Gerade weil Island so intakt wirkt, wird es überlaufen. Andere Länder haben längst Besucherobergrenzen eingeführt — Bhutan, die Galápagos, Teile Thailands. Island versucht es immer noch mit sanftem Tourismus ohne strukturelle Limits. Das wird nicht funktionieren.

Der Maßstab: Was ist noch Kapazität?

Die Zahlen sind eindeutig. Laut Umweltbundesamt wollen zwei Drittel der deutschen Reisenden (67 Prozent) nachhaltiger verreisen — aber nur fünf Prozent handeln danach. Flüge sind billiger geworden, flexibler und häufiger. Die Folge: Während Nachhaltigkeitszertifikate sich verdoppelt haben, steigt der Flugverkehr zu Reisezielen weiterhin kontinuierlich.

Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein systemisches. Die Industrie hat sich auf Wachstum optimiert, nicht auf Tragfähigkeit.

Venedig ist das Extrembeispiel. 2019 strömten täglich 50.000 Tagestouristen in eine Stadt, in der keine 250.000 Menschen wohnen. Die Piazza San Marco war nicht mehr Platz, sondern Gedränge. Seit April 2026 führt Venedig ein Eintrittsgeld ein: fünf Euro pro Person, zehn Euro für diejenigen, die weniger als vier Tage vorher buchen. Das Ziel ist nicht Einnahmegenerierung, sondern Kapazitätsmanagement. Im Sommer wird die Gebühr erweitert, Spitzenwerte auf bis zu 50 Euro werden diskutiert.

Barcelona hat es radikaler: Von 2026 an werden die Kreuzfahrtterminals von sieben auf fünf reduziert. Das senkt die maximale tägliche Kapazität von etwa 37.000 auf 31.000 Passagiere — eine Reduktion um 16 Prozent. Zusätzlich hat die Stadt die Tourismussteuer für Kreuzfahrt-Passagiere verdoppelt, von vier auf acht Euro. Barcelona priorisiert Reisende, die länger bleiben, nicht solche, die von morgens bis abends an Land sind.

Das sind keine negativen Maßnahmen gegen Tourismus. Es sind Schutzmaßnahmen für das, was Menschen überhaupt erst attraktiv finden: echte Orte, echte Menschen, echte Atmosphäre.

Warum funktioniert Umleitung nicht?

„Besucht Valencia statt Barcelona” — dieser Rat taucht in jedem Reiseblog auf. Das Problem: Wenn Barcelona überlaufen ist, weil es authentisch wirkt, wird Valencia es in fünf Jahren auch sein. Dann raten Blogs zu Tarragona. Dann zu Castellón. Irgendwann sind alle Küstenstädte Spaniens zum touristischen Durchlauferhitzer geworden.

Die UNESCO warnt vor diesem Phänomen: Das Verschieben von Touristen ist nicht dasselbe wie dessen Regulierung. Wenn das Gesamtvolumen nicht sinkt, sondern nur verteilt wird, überlaufen Alternativen einfach später. Malta, die Kanarischen Inseln, Portugal — allesamt Länder, deren infrastrukturelle und ökologische Kapazität jetzt überschritten wird, weil sie als „Alternativen zu Griechenland” vermarktet wurden.

Forscher sprechen von „leapfrogging”: Touristen ignorieren bewusst die überlaufenen Ziele, um schneller zu den neuen zu gelangen. Die Realität ist, dass es nicht genug „alternative” Ziele gibt für die Menge der Reisenden. Die einzige echte Alternative ist, weniger zu reisen — oder länger an einem Ort zu bleiben.

Was funktioniert: Regenerativer Tourismus

Länder, die ihre Grenzen ernsthaft setzen, zeigen Erfolg. Bhutan hat es vorgemacht. Das Land erhebt eine „Sustainable Development Fee” (SDF) für alle internationalen Besucher: zwischen 100 und 250 US-Dollar pro Tag (ca. 92–230 Euro), je nach Jahreszeit. Dafür sind Unterkünfte, Verpflegung und ein lokaler Guide inbegriffen.

Das ist nicht umweltfreundlich aus Altruismus, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit. Durch die hohe SDF werden gleichzeitig nur etwa 70.000 internationale Besucher pro Jahr zugelassen — bei 750.000 Einwohnern ist das ein Verhältnis von etwa eins zu zehn. Die Einnahmen finanzieren direkt Schutzprogramme, Bildung und lokale Infrastruktur. 70 Prozent der Wälder bleiben bewahrt, weil sie nicht zu Infrastruktur umgewandelt werden. Der Fußabdruck pro Besucher ist höher, aber die Gesamtlast ist kontrolliert.

Das funktioniert auch in Europa. Slowenien hat seit Jahren Besucherobergrenzen in seinen Nationalparks, besonders im Bleder See, wo Kahnfahrten auf 180 pro Tag begrenzt sind. Die Wartezeiten sind länger, aber die Störung des Ökosystems — Erosion der Uferkanten, Nährstoffeintrag, Lärm — ist kontrollierbar.

Die regenerative Komponente ist entscheidend: Es geht nicht nur um Verzicht, sondern um aktive Restauration. Revenue Sharing mit lokalen Gemeinschaften, Subventionen für Biodiversitätsprojekte, Investitionen in traditionelle Handwerkstechniken — das ist nicht „nachhaltiger Tourismus” im bekannten Sinne (der oft synonym mit „Greenwashing” ist), sondern gezieltes Kapazitätsmanagement mit Rückfluss.

Die unbequeme Wahrheit über Slow Travel

Slow Travel ist derzeit der Lieblings-Ratschlag. Zwei Wochen in einer Stadt verbringen statt zehn in zwei Wochen durchreisen. Das reduziert die Transportemissionen pro Tag, erhöht aber das Gesamtvolumen an Unterkunft und Verpflegung.

Eine Langzeitmiete in Lissabon für einen Monat mag niedrigere Flugfrequenz bedeuten, aber 30 Nächte in einem Airbnb tragen auch dazu bei, dass Einheimische verdrängt werden und Wohnraum knapper wird. Das ist nachweisbar nicht nachhaltiger — es ist nur eine andere Art, Druck zu erzeugen.

Slow Travel bleibt sinnvoll, braucht aber ebenfalls Grenzen. Wenn es bedeutet, dass 10.000 digitale Nomaden nach Lissabon ziehen und lokale Mieten verdoppeln, ist es strukturell gleich problematisch wie Massentourismus — nur zeitlich entzerrt.

Die Wahrheit ist unbequem: Echte Nachhaltigkeit bedeutet weniger reisen, nicht anders reisen. Slow Travel hat seine Grenzen, wenn die Menge stimmt.

Was könnte funktionieren

Mehrere Länder experimentieren mit differenzierten Ansätzen. Kroatien, das auch unter Übertourismus-Druck steht, erhöht während der Hochsaison die Tourismussteuer für bestimmte Destinationen und verwendet die Einnahmen für öffentliche Infrastruktur — damit auch Einheimische von den Einnahmen profitieren, nicht nur private Betriebe. Auch Portugal und Spanien versuchen sich an besseren Managementmethoden. Marokko reguliert Trekkinggruppen im Hohen Atlas auf maximal 12 Personen pro Guide, um Erosion und Kulturschock zu minimieren.

Auch Deutschland bietet Lektionen. Der Harz, eine der meistbesuchten deutschen Regionen, hat ein System aus Parkplatzbegrenzung und kostenlosem ÖPNV für Gäste eingeführt — Touristen zahlen eine kleine Gebühr, bekommen dafür unbegrenzte Zugfahrten und werden so vom Auto auf Züge umgeleitet. Es ist nicht revolutionär, aber es funktioniert.

Das Gemeinsame dieser Modelle: Sie setzen nicht auf freiwilliges Verhalten, sondern auf strukturelle Incentive. Diese Modelle setzen nicht auf Appelle zum nachhaltigen Reisen; stattdessen wirken konkrete Hürden: Parkplatz voll, Straße gesperrt, Eintrittsgeld für Spitzentage. Das ändert tatsächlich Verhalten.

Die Rolle der Industrie

Deutsche Reiseveranstalter werden bald weniger Ausrede haben. Anfang 2026 hat die EU eine neue Richtlinie zur Nachhaltigkeit im Tourismus angekündigt — Veranstalter, Fluglinien und Hotels müssen transparent über ihre CO2-Bilanzen berichten und Emissionen reduzieren oder Ausgleichsprojekte finanzieren. Das ist nicht perfekt (Greenwashing bleibt möglich), aber es zwingt zu Rechenschaftspflicht.

Langfristig wird die Branche nicht um strukturelle Limits herumkommen. Die Frage ist nur, ob sie proaktiv mitgestaltet oder ob Reiseziele auf politische Interventionen warten, die dann zu unkontrolliert sind.

Obergrenzen statt Umleitung

Umleiten reicht nicht. Wer Übertourismus ernsthaft bremsen will, kommt an Obergrenzen nicht vorbei. Das klingt radikal, ist aber wissenschaftlich nicht neu — Forscher warnen vor diesem Problem seit mindestens 15 Jahren. Die Länder, die es ernst nehmen, handeln jetzt. Die anderen werden es später unter Druck tun.

Das heißt nicht, dass Reisen schlecht ist. Es heißt, dass die Menge zählt und dass die Industrie anfangen muss, Tragfähigkeit statt Wachstum zu denken.

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